Vom Gefühl, wieder ganz am Anfang zu sein
«Ich dachte, ich wäre über den Berg. Plötzlich ist alles wieder offen.»
«Ich bin wieder genau da, wo ich vor Monaten war.»
«Wir gehen gefühlt einen Schritt vor und zwei zurück.»
Diese Erfahrungen treten häufig inmitten von Veränderungsprozessen auf. Und verständlicherweise verunsichern sie. Denn das dominierende Bild von Fortschritt ist linear: immer weiter, immer höher, möglichst ohne Umwege. Doch dieses Bild ist trügerisch. Wer in Übergängen lebt, kennt auch das andere Gefühl: das der Rückkehr, der Instabilität, des Zweifels. Gerade in diesem Moment geschieht oft Entscheidendes.
Es gibt keinen Lift für Fortschritt
Veränderung verläuft nicht wie eine Fahrt im Aufzug: von einem Zustand bequem zum nächsten. Sie gleicht eher einem Bergpfad: mit Kehren, Rückschlägen und kurzen Abstiegen, bevor ein neues Plateau erreicht wird. Wer sich auf grössere Entwicklungen einlässt, kennt das Tal der Tränen. Doch auch dort, wo es stockt, formt sich oft schon das Neue, meist vorerst unter der Oberfläche, unsichtbar.
Der Philosoph G. W. F. Hegel verstand Veränderung als dialektischen Prozess: These – Antithese – Synthese. Also im Endeffekt als Entwicklung durch Widerspruch: Ein Zustand trifft auf Widerspruch, Spannung entsteht, und aus dieser Reibung heraus entwickelt sich etwas Neues.
«Das Wahre ist das Ganze und dieses ist nur durch seine Entwicklung zu erfassen.»
– G. W. F. Hegel
Der Rückschritt ist in diesem Denken kein Fehler. Er bezeichnet es als notwendigen Schritt. Ohne Krise keine Klärung. Ohne Spannung keine Reifung.
Was will der Widerstand zeigen?
Wenn Kundinnen und Kunden von Rückfällen berichten, frage ich manchmal:
«Welche Spannung zeigt sich hier und was macht sie sichtbar?»
«Wird gerade etwas aufgebrochen, das vorher unberührt geblieben ist?»
Oft kündigt sich an solchen Stellen eine neue Ordnung an. Nicht sichtbar, aber spürbar. Was früher funktionierte, trägt nicht mehr. Was nach Rückschritt aussieht, ist oft der Beginn eines Umbaus.
Reibung ist unangenehm, das verstehe ich. Sie ist aber auch ein Zeichen, dass etwas in Bewegung ist. Was nicht mehr reibungslos läuft, will betrachtet werden. Wenn nichts mehr irritiert, passiert meist auch nichts Neues. Im Sinne Hegels ist der Rückschritt der Moment, in dem sich ein System neu sortiert.
Einladung zur Selbstreflexion
Wenn sich Veränderung instabil oder rückläufig anfühlt, können diese Fragen weiterhelfen:
- Welche Spannung weist darauf hin, dass etwas in die nächste Stufe will?
- Was könnte sich hier neu ordnen wollen?
- Was war bislang nicht reif zum Gehen und zeigt sich jetzt?
- Was darf losgelassen werden, damit Raum für Entwicklung entsteht?
Rückschritt als Bewegung mit Tiefgang
Was sich wie ein Rückfall anfühlt, kann ein Zeichen innerer Reifung sein. Der Rückschritt ist dann kein Abbruch, er ist ein Übergang. In Hegels Logik: Ein notwendiger Widerstand, damit etwas Neues entstehen kann. Nicht das «Zurück» ist also entscheidend, sondern das, was sich im Rückblick verändert hat.
Ausblick
Im dritten und letzten Teil dieser Reihe geht es um einen Moment, der oft noch schwerer auszuhalten ist als Rückschritt: die Stille. Stellt euch der Realität, dass im scheinbaren Stillstand etwas Wesentliches reift. Simone Weil und Hannah Arendt werden uns begleiten.
Wo Reibung spürbar ist, ist meist Bewegung im Spiel.
Professionelle Begleitung in Veränderungsprozessen schafft Orientierung. Nimm gerne Kontakt zu mir auf. Ich freue mich auf den Austausch mit dir!