«Ich weiss gar nicht, worauf ich gerade warte.»
«Nichts geht voran, alles fühlt sich still an.»
«Da läuft gerade nichts, mir ist langweilig.»
Solche Sätze fallen oft, wenn Veränderung ihre sichtbare Dynamik verliert. Kein Rückschritt mehr, wie im letzten Teil der Blogreihe, aber auch kein ersichtlicher Fortschritt. Statt Bewegung befindet man sich wie in einem Schwebezustand. Der Sommer verstärkt diesen Eindruck noch. Projekte ruhen, Routinen brechen weg, der gewohnte Takt verlangsamt sich. Was bleibt, ist ein Gefühl von Unproduktivität. Und die Frage: Was ist das hier eigentlich, Stillstand oder Übergang?
Die Angst vor dem Nichtstun vs. Reifung in der Stille
In unserer leistungsorientierten Kultur gilt Stille oft als Makel. Leere wird gleichgesetzt mit Stillstand, Untätigkeit mit Schwäche. Besonders in Übergangsphasen kann das Gefühl, gerade «nichts beizutragen», zu innerem Druck führen. Doch möglicherweise geschieht gerade dann etwas Entscheidendes, nur eben im Verborgenen.
Die französische Philosophin Simone Weil sieht im bewussten Nicht-Handeln einen schöpferischen Zustand. Sie schreibt: «Die Aufmerksamkeit, die rein ist, ist schöpferisch.»
Nicht das ständige Tun, sondern das geduldige Aushalten der Lücke schafft Tiefe. Aufmerksamkeit ohne Absicht, das ist die Qualität, die in Phasen der Stille wirkt. Gerade die Urlaubszeit bietet sich an, diese Pause nicht zu füllen, sondern ihr zuzuhören.
Denken braucht Abstand
Auch Hannah Arendt war überzeugt, dass Klarheit nicht im Tempo des Handelns entsteht: «Niemand denkt ohne Abstand zur Welt.»
Entwicklung braucht Unterbrechung. Wer verstehen will, was war und was kommt, muss sich lösen vom Takt der Dinge. Der Moment des Betrachtens bringt Erkenntnis. Der unsichtbare Wachstumsprozess
In der Natur geschieht Reifung oft im Verborgenen:
- Wurzeln wachsen im Dunkeln.
- Samen ruhen monatelang, bevor sie keimen.
- Ein Baum sammelt im Winter Kraft für den nächsten Austrieb.
- Und auch zahlreiche Insekten verbringen Entwicklungsstadien unter der Erde.
Was nicht sichtbar ist, ist nicht gleichbedeutend mit Stillstand. Auch im Innen geschieht Entwicklung. Oft leise, jedoch ebenso kraftvoll.
Was bedeutet das für Leadership und Entwicklung?
In der Begleitung von Menschen und Teams zeigt sich immer wieder: Die scheinbare Leere ist oft eine produktive Zwischenzeit. Erst im Rückblick wird sichtbar, dass genau dort Klarheit, Mut oder ein neuer innerer Massstab gewachsen sind. Dieser Prozess folgt keinem Plan und keinem Kalender.
Was es braucht, ist Erlaubnis:
- Erlaubnis, nichts wissen zu müssen.
- Erlaubnis, zu warten.
- Erlaubnis, in der Leere nicht falsch, sondern richtig zu sein.
Diese Erlaubnis beginnt im Inneren und sollte auch im Aussen spürbar werden. Führung beginnt dort, wo auch anderen dieses Innehalten zugestanden wird.
Einladung zur Selbstreflexion
Wenn die Bewegung ausbleibt, lohnt ein Blick auf das, was darunter geschieht:
- Was darf gerade still sein, ohne sofort in Produktivität übersetzt zu werden?
- Welche Fragen wirken, obwohl es noch keine Antworten gibt?
- Kann dieser Phase innerlich zugestimmt werden und damit Bedeutung entstehen?
Das Leise ist nicht leer
Stille ist nicht gleich Stillstand.
Sie kann Resonanzraum sein, Brutstätte, Übergangszeit. Wir sind es gewohnt, dass lautes Wachstum gefeiert wird. Daher braucht es Mut, auch leises Wachsen zuzulassen. Vielleicht ist genau jetzt der Moment, nicht mehr gegen das Nichtwissen anzukämpfen, sondern ihm zuzuhören.
Ausklang
Mit diesem dritten Beitrag schliesst sich die Sommerreihe «Wachsen auf Umwegen». Ein Weg voller Schleifen, Widerstände und leiser Reifung. So, wie Veränderung oft tatsächlich verläuft.
Nicht alles, was bewegt, muss laut sein.
Nicht jede Entwicklung braucht Geschwindigkeit.
Und manchmal liegt die grösste Klarheit im Aushalten der Leere.
Wo scheinbare Leere entsteht, kann innerer Wandel beginnen.
Professionelle Begleitung in Veränderungsprozessen schafft Orientierung. Nimm gerne Kontakt zu mir auf. Ich freue mich auf den Austausch mit dir!