Wachstum durch Weglassen: Echte Führung verlangt nicht immer mehr

Schneller Wandel, stetiges Wachstum und ein bekanntes Dilemma in vielen Unternehmen: Ambitionierte Ziele treffen auf steigenden Druck und die scheinbar logische Reaktion darauf lautet häufig: mehr. Mehr Personal. Mehr Meetings. Mehr Rollen. Mehr Tools. Mehr Initiativen. Mehr Regeln. Was gut gemeint ist, wird dann schnell zu einem überladenen Konstrukt aus Massnahmen, das Ressourcen bindet und die Klarheit im Denken und Handeln blockiert.

Wenn Wachstum zur Überforderung wird

Ein konkretes Beispiel aus meinem Arbeitsalltag verdeutlicht das: In der Zusammenarbeit mit dem erfahrenen Führungsteam eines schnell wachsenden Unternehmens wurde diese Dynamik besonders spürbar. Die Herausforderungen wurden zahlreicher, die Lösungsmuster blieben allerdings gleich: für jedes Problem ein zusätzliches Mittel. Es entstand ein gut gemeinter, aber unübersichtlicher Aktionismus. Als ich die Frage stellte, wie sich die Beteiligten inmitten dieses «Mehr» fühlten, formulierte der CEO ein eindrückliches Bild: «Es fühlt sich an, als würden wir versuchen, mitten im Flug eine Rakete zu bauen ... mit mehr Klebeband.»

Die Wissenschaft hinter dem Impuls, mehr zu tun

Ich stellte dem CEO daraufhin eine andere Perspektive vor, die von Leidy Klotzes «Subtract: The Untapped Science of Less» inspiriert war. Dieser zeigt in seinem Buch, dass wir Menschen eine kognitive Neigung haben: Wenn wir Dinge verbessern wollen, denken wir zunächst ans Hinzufügen. Mehr erscheint aktiv, produktiv, verantwortungsvoll. Doch gerade in komplexen Führungssituationen liegt die grössere Chance häufig im Weglassen. Wir denken nur viel zu selten daran.

Als wir diese Perspektive im Führungsteam einführten, traf sie zunächst auf Widerstand. Weniger Menschen, weniger Projekte, weniger Ressourcen? Das klang nach Rückschritt, nach Verzicht. Doch im weiteren Verlauf entstand Raum für eine neue Frage: Was können wir weglassen, um zu erkennen, was bereits funktioniert? Dieser gedankliche Perspektivwechsel wurde zum Wendepunkt. Statt in die gewohnte Logik des Ergänzens zu verfallen, wurde entschieden, gezielt zu reduzieren, und zwar nicht hektisch, sondern mit Bedacht.

Ein Plädoyer für weniger: praktische Schritte zum Vereinfachen

Gemeinsam identifizierten wir Massnahmen, deren Wirkung sich gegenseitig neutralisierte oder deren Aufwand in keinem Verhältnis zum Nutzen stand. Wir pausierten zwei Initiativen, die um dieselben Ressourcen konkurrierten. Die ursprünglich fünf Jahresziele und Key Results des Teams wurden auf drei fokussierte, machbare Kernziele reduziert. Ein wöchentliches Abstimmungsmeeting wich einem effizienten Entscheidungsgremium. Statt einen weiteren Manager einzustellen, verteilten wir Verantwortlichkeiten neu und gestalteten sie transparenter. Die Führungskräfte gewannen so mehr Autonomie, die Strukturen wurden klarer.

Das Resultat war eindrucksvoll: Die Leistung blieb stabil und verbesserte sich sogar. Entscheidungsprozesse wurden kürzer, die Energie im Team stieg. Zum ersten Mal seit Langem konnte das Managementteam wieder den sprichwörtlichen Wald vor lauter Bäumen erkennen.

Klarheit statt Komplexität

Diese Erfahrung steht exemplarisch für ein Muster, das ich in allen Branchen beobachte. Organisationen wachsen häufig durch das Hinzufügen, etwa neuer Prozesse, Systeme, Abteilungen. Dabei bleibt oft unbeachtet, dass die wahre Chance für nachhaltiges Wachstum im bewussten Weglassen liegt. Es braucht Mut zur Führung, um diesen Weg einzuschlagen. Denn sich für weniger zu entscheiden, wirkt zunächst passiv. Dabei ist es oft der mutigere, wirksamere Schritt.

Prioritäten durch Reduktion

Echte Priorisierung bedeutet nicht nur, Aufgaben in eine Rangordnung zu bringen. Es bedeutet, bewusst zu entscheiden, was nicht mehr dazugehört. Ich frage meine Kunden jetzt regelmässig: «Was erlaubt ihr euch, auf das ihr verzichten könntet?» Das ist selten einfach. Aber wenn alles als wichtig gilt, verlieren wir den Fokus. Stattdessen entsteht Orientierung, wenn wir beginnen, Dinge loszulassen und das Vertrauen aufbauen, dass das, was bleibt, stark genug ist. Wir müssen uns nicht zwangsläufig neue Ressourcen erschliessen. Viel häufiger brauchen wir einen geschärften Fokus und echte Verbindlichkeit. Der Wert liegt oftmals bereits vor uns: verborgen unter Schichten von Geschäftigkeit und gut gemeinter Komplexität.

Die neue Qualität von Führung

In unserem Führungsverständnis liegt eine grosse Chance darin, das Bild des Bildhauers zu übernehmen: Nicht durch Hinzufügen entsteht Form, sondern durch das präzise Wegnehmen. Das gilt auch für Organisationen. Wer Raum schafft, ermöglicht Reflexion, Kreativität und echte Klarheit. Genau das, was Führung heute mehr denn je verlangt.

Statt also ständig nach neuen Lösungen zu suchen, lohnt sich immer wieder diese eine Frage: Worauf könnten wir verzichten und was gewinnen wir dadurch?

Nimm gerne Kontakt zu mir auf. Ich freue mich auf den Austausch mit dir!