Mithilfe von agilen Prinzipien legen agil agierende Organisationen und Teams die aus ihrer Sicht wichtigsten Handlungsmaximen für alle Beteiligten fest. Sie sind die Leitplanken für den Einsatz von agilen Praktiken und Methoden. Die Praktiken werden eingesetzt, um die Umsetzung agiler Prinzipien im Rahmen einzelner Aktivitäten wie zum Beispiel eines Meetings zu ermöglichen bzw. zu fördern (zum Beispiel sog. Daily Stand-ups). Agile Methoden vereinen verschiedene agile Praktiken zu einem Framework, das die Durchführung ganzer Prozesse oder Projekte nach agilen Prinzipien unterstützt. Aus unserer Erfahrung eignen sich diese Prinzipien sehr gut, um eine erste agile Landkarte zu erstellen und den Dialog über den «optimalen Weg in die Agilität» zu fördern.

Wer also einen Weg hin zu mehr Agilität finden möchte, tut sich gut daran, zunächst seinen Entwicklungsbedarf zu klären. Hierbei hilft das Schema des amerikanischen Soziologen Talcott Parsons. Er hat in den 1950iger-Jahren vier Funktionen benannt, die ein soziales System wie ein Unternehmen erfüllen muss, um seine Existenz dauerhaft zu erhalten. Überraschenderweise hat Parsons sein Modell der existenzsichernden Funktionen «AGIL-Schema» genannt:

  • Adaption = Anpassungsfähigkeit
  • Goal Attainment = Zielerreichung
  • Integration = Zusammenhalt schaffen
  • Latency = ständige Aufrechterhaltung und Erneuerung (Induktion) von Werten.

Das spannende an diesem Schema ist, dass es uns durch Fragen an unsere Entwicklungspotentiale heranführt und diese in Beziehung zu den agilen Prinzipien setzt. Mit Hilfe dieses AGIL-Schemas kann die Relevanz agiler Prinzipien für das eigene Unternehmen bestimmt und so Wege zu mehr Agilität gefunden werden.

Adaption (Anpassungsfähigkeit)

  • Welche Prinzipien leiten unser Handeln heute? Welche davon mindern unsere Anpassungsfähigkeit an Entwicklungen in unserem Umfeld?
  • Durch welche agilen Prinzipien sollten wir diese ersetzen, um unsere Anpassungsfähigkeit zu steigern?

Goal Attainment (Zielerreichung)

  • Welche Prinzipien, die heute unser Handeln leiten, hindern uns an einer bestmöglichen Zielerreichung?
  • Durch welche agilen Prinzipien sollten wir diese ersetzen, um unseren Zielerreichungsgrad zu steigern?

Integration (Zusammenhalt)

  • Welche Prinzipien, die heute unser Handeln leiten, hindern uns an einem angemessenen Zusammenhalt / an einer optimalen Zusammenarbeit?
  • Welche agilen oder alternativen Prinzipien würden unseren Zusammenhalt / unsere Zusammenarbeit besser fördern?

Latency (Induktion von Werten)

  • Welches Mass an Erneuerung unserer grundlegenden Strukturen und Wertmuster wäre erforderlich, um ein aus unserer Sicht angemessenes Niveau der Agilität zu erreichen?
  • Welche agilen Prinzipien könnten wir implementieren, ohne unsere grundlegenden Wertmuster zu stark aufzubrechen?

Indem Führungskräfte diese Fragen für ihr Unternehmen oder ihren Bereich beantworten, entwickeln sie Thesen, welche agilen Prinzipien in ihrem Fall relevant sind. Dies ist eine wichtige Basis, um sich auf den Weg zu machen und ausgewählte agile Prinzipien stärker im Unternehmen zu verankern.

Die Entscheidungsfindung nach dem Konsent-Prinzip ist eines von vier Grundprinzipien der Soziokratie resp. der Soziokratischen Kreisorganisationsmethode (SKM). SKM ist auf der einen Seite ein Organisationsmodell, das die Steuerung von dynamischen Unternehmensprozessen unterstützt. Sie kann als Erweiterung oder als Alternative zur pyramidenförmigen Linienorganisation und deren Top-Down-Entscheidungsprozessen verstanden werden. Sie ermöglicht jedem Mitglied einer Organisation oder eines Teams, gleichwertig in Entscheidungsprozesse einbezogen zu werden.

Die vier Grundprinzipien der Soziokratie sind:

  1. Der Konsent als vorherrschendes Prinzip zur Beschlussfassung (kein begründeter schwerwiegender Einwand)
  2. Eine Kreisstruktur überlagert die bestehende Linienstruktur. Die Kreise treffen innerhalb ihrer Grenzen ihre Grundsatzentscheidungen autonom (Kreisprinzip).
  3. Zwischen den Kreisen gibt es eine doppelte Verknüpfung, indem jeweils mindestens zwei Personen an Kreissitzungen teilnehmen: ein funktionaler Leiter (Manager) sowie mindestens ein Delegierter (Prinzip der doppelten Kopplung).
  4. Die Kreisteilnehmenden wählen Menschen im Konsent für Funktionen und Aufgaben aus (Soziokratische Wahl).

Durch diese vier Grundprinzipien entwickelt sich ein vertieftes Verantwortungsbewusstsein, welches das ganze System berücksichtigt. Durch die gezielte Einflussnahme aller Gruppenmitglieder, wird die Macht gleichermassen unter allen verteilt. Es gibt keine Gewinner und Verlierer. Die Entscheide haben eine hohe Akzeptanz und werden gemeinsam getragen. Da Argumente wichtiger werden als Macht, entsteht ein wertschätzender und unterstützender Teamgeist. Durch die Wahl von Kreisteilnehmenden entsteht eine hohe Motivation bei der Übernahme von Aufgaben und Projekten.

Das Konsentprinzip oder das Kein-Einwand-Prinzip

Soziokratie ist eine Zusammensetzung aus dem lateinischen «socius» (Gefährte) und dem griechischen «kratein» (regieren) und steht für eine Form der Führung, die von der Gleichwertigkeit der Individuen ausgeht. Das wichtigste Prinzip ist, dass nur dann ein Beschluss gefasst wird, wenn keiner der Anwesenden einen Einwand mit schwerwiegenden Argumenten hat. Dieses Prinzip nennt man «Konsentprinzip» (Kein-Einwand-Prinzip). Feste Fragerunden sorgen dafür, dass sich jeder einbringt, und verankern Mitbestimmung in der Gruppe oder der Organisation als Ganzes.

Das führt dazu, dass Individuen mehr Entscheidungsbefugnis bekommen als in einer Demokratie, in der die Stimmenmehrheit gilt. Soziokratie ist die Macht des Arguments und nicht die Macht der Mehrheit. Nun hat jedoch nicht jede Entscheidung durch das Konsentprinzip zu erfolgen. In der Paxis hat sich bewährt, wichtige Grundsatzentscheide mit Hilfe des Konsentprinzips zu fällen und die operativen Entscheidungen des Tagesgeschäfts an die Ausführenden zu delegieren.